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Montag, 20. April 2009, 20:23 Uhr

Von: Mechthild Herzog


Am 20.4.2009 fand die alljährliche Gesprächsrunde "Schüler fragen - Politiker antworten" zum Thema "60 Jahre Grundgesetz" statt.

Hier ein ausführlicher Artikel dazu.


Sie kamen wieder zusammen: Schüler aus dem Sozialkundeunterricht des Friedrich-Schiller-Gymnasiums der 10., 11. und 12. Klasse trafen am 20. April 2009 auf Politiker der kommunalen, der Landes- und Bundesebene zur alljährlichen Veranstaltung „Schüler fragen – Politiker antworten“. Wie in jedem Jahr hatte die Sozialkundelehrerin Frau Monika Becker Vertreter aus allen Parteien geladen: So nahmen neben Tim Bansemer, einem Schüler der 11. Klasse und dem Moderator der Gesprächsrunde, Dr. Krause (CDU), Uwe Barth (FDP), Birgit Pelke (SPD), Carsten Meyer (Bündnis 90/Die Grünen) und Michaele Sojka (Die Linke) platz. Nachdem man sich vorgestellt hatte, wurde jeder der Gäste gebeten, den eigenen Weg in die Politik zu erläutern – ganz unterschiedliche Begründungen kamen dabei heraus: Michaele Sojka berichtete, sie sei der SED beigetreten, um in dieser mächtigen Partei von innen heraus etwas zu verändern – und sie sei dann in die Linke übergegangen, weil sie ordnen wollte, was nach der Wende zu ordnen war. Weitere Motivationen waren, generell einer Partei beizutreten, die nicht die SED war, oder auch, weil man als Schülervertreter mit der Politik in Kontakt gekommen war und so Interesse dafür entwickelt hatte. Dr. Krause allerdings toppte all seine Kollegen mit dem Satz „Ich bin, seitdem ich denken kann, politisch interessiert.“ – einer Aussage, die sich wohl nicht nur mancher Sozialkundelehrer bei seinen Schülern wünschen würde…

Nach diesen recht persönlichen Eingangsfragen blieb der Moderator Tim Bansemer weiterhin im subjektiven Bereich: Er erfragte, wie die Gäste als Einzelperson und auch als Mitglied einer Partei die Wende erlebt hätten. Herr Dr. Krause antwortete darauf, die Wende sei in seinen Augen notwendig, richtig und unausweichlich gewesen – besonders geprägt habe ihn, mit welcher Geschwindigkeit die DDR zusammenbrach: Einen derartigen Abbruch eines Staates hätte er vorher so nicht für möglich gehalten.

Uwe Barth berichtete vordergründig von Wahlmanipulationen: So habe sich ihm der 7. Mai 1989 ins Gedächtnis gegraben, da die Wahlergebnisse hier derart offensichtlich gefälscht worden waren. Über sich selbst sagte er, nie ein Widerstandskämpfer gewesen zu sein, sondern lediglich ein Bürger der DDR, der sich mit dem Staat, in dem er lebte, arrangierte, weil er davon ausging, dass er dies für die nächsten Jahre musste. Dem schloss sich Birgit Pelke an, indem sie erklärte, sie hätte nicht an eine solch friedliche Wende geglaubt – ihre Eltern hätten gesagt: „Das wird schon wieder, dass sich die DDR wiederfindet.“, dass dies aber so schnell und relativ gewaltlos vonstatten ging, hätte sie nicht gedacht. Sie erzählte weiterhin, dass sie bei der Öffnung des Brandenburger Tors dabei war – und dass sie immer und immer wieder hindurch gelaufen sei, ungläubig, dass dies ohne Schwierigkeiten und Umstände möglich war.

Carsten Meyer als einziger Gast, der aus dem ehemaligen Westdeutschland kommt, sprach von Erlebnissen aus seinem Heimatort nahe der innerdeutschen Grenze: Diese Grenze sei kein Thema gewesen, so berichtete er. Sie sei dagewesen – etwa wie die Nordsee: sicher vorhanden, aber nicht überschreitbar.

Michaele Sojka hatte bereits vor der Wende enge Beziehungen in den Westen, und so konnte sie bereits ein Jahr vor der Wiedervereinigung in den Westen reisen – erst dort erkannte sie, dass die innerdeutsche Grenze keine Grenze nach außen, sondern eine nach innen war: gesetzt von einem System, um die eigenen Bürger festzuhalten. Frau Sojka schloss sich Herrn Barth an in den Erfahrungen mit Wahlfälschung – aus Enttäuschung, und weil sie nicht mehr mit den Zielen der SED zurechtkam, nahm sie schließlich immer öfter teil an verschiedenen Bewegungen, die nicht im Sinne des DDR-Regimes liefen.

 

Nun, nach etwa der Hälfte der Zeit, erhielten die Schüler das Wort – sie begannen, zu fragen: Ob denn schon vor 1985 oppositionelle Bewegungen und Tätigkeiten möglich gewesen wären (die Politiker gaben zur Antwort, dies sei sehr unterschiedlich gewesen: es hätte eine gewisse Grauzone gegeben, in der man unberührt blieb, wenn man Glück hatte; allerdings konnte man auch schon wegen Lappalien wie dem Tragen von Jeans verhaftet werden), welche Relevanz die Wendezeit für uns „Nachgeborene“ hätte  (hier bekamen die Schüler zur Antwort, dass noch 30 Jahre lang Leute auf den Politikerstühlen sitzen würden, die zwischen Ost und West unterscheiden können und wollen), welche Ziele die verschiedenen Parteien und Bewegungen zur Wendezeit hatten – und welche davon verwirklicht worden seien, ob es auch positive Seiten der DDR gäbe (hier bejahten alle Gäste und nannten Aspekte wie Krippenplätze, Ganztagsschulen, die Möglichkeiten der Kinderbetreuung für berufstätige Frauen oder auch die Festlegung der Naturschutzgebiete innerhalb der DDR am 2.10.1989) und ob das DDR-Gesetz in irgendeiner Form eingegangen wäre in das gesamtdeutsche Grundgesetz.

Vieles erzählten die Gäste – manchmal mehr aus politischer, manchmal aber auch aus ganz persönlicher Erfahrung. Freilich blieben die parteilichen Grenzen nicht immer verborgen (gerade in Zielsetzungen sowohl der Wendezeit als auch der Gegenwart), allerdings kam es zugleich auch nie zu gröberen Unstimmigkeiten. Stattdessen konnten die Schüler aus den Erfahrungsberichten viel entnehmen und lernen – so etwa, dass Menschen, die man vor die Entscheidung stellt, ob sie ein System wie die DDR oder auch den Nationalsozialismus haben wollen, Nein sagen werden – dass aber de facto niemand während dieser Zeiten die genaue Entwicklung kennen kann und deshalb nicht zu sagen ist, ob man jene, die sich angepasst haben, verurteilen darf.

 

Zum Ende der Gesprächsrunde lenkte Moderator Tim auf das diesjährige Thema: „60 Jahre Grundgesetz“. Man unterhielt sich, wie nach der Wende die gesamtdeutsche Verfassung entstanden sei: Weder die West- noch die Ostdeutschen hätten gewusst, was auf sie durch die Einigung zukam. So kam es zu einer vom Volk nie abgestimmten Übergangslösung, die schließlich als dauerhaft gültig erklärt wurde. Diese Tatsache, so wurde berichtet, führe heute noch mancherorts zu Unzufriedenheit: „Was blieb von der DDR außer dem Ampelmännchen?“

Bei diesem Thema stand die Meinung der Vertreterin aus der Linken gegen die des Vertreters der FDP: Sie sagte, es sei heute noch eine Aufarbeitung nötig, aufbauend auf die Entwürfe aus den Jahren 1989 und 1990; er entgegnete, eine grundsätzliche Änderung sei seit der Wende nicht notwendig gewesen (sonst wäre sie passiert) – wieso also sollte man heute alles reformieren?

 

Als Schlussplädoyer erbat Herr Gruhnert, der wie Frau Becker am Friedrich-Schiller-Gymnasium Sozialkunde unterrichtet, von jedem Politiker einen Satz zum Thema „Sozialstaat“. Ein Satz wurde es wohl bei keinem der Gäste – dennoch äußerten sie sich recht ähnlich: Das Wort „Gerechtigkeit“ fiel sehr häufig, ebenso die Forderung nach gleichen Chancen für alle, nach Sicherheit für alle, nach Leistungsgerechtigkeit und der gerechten Verteilung der vorhandenen Güter durch den Staat.

 

Mit warmen Worten und frischen Blumen wurde den Gästen für ihr Kommen gedankt – und man kann reinen Gewissens behaupten, dass diese Gesprächsrunde nicht nur für die Schüler, sondern auch für die anwesenden Lehrer und mindestens ebenso für die politischen Gäste eine Bereicherung war.









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